Bergwerksbesichtigung Braunkohletagebau Welzow-Süd

Zu Besuch bei den größten Maschinen der Welt

Am 06. Juli 2016 startete die AG Netzwerk mit 13 DeutschlandstipendiatInnen der TU Dresden auf zu Meisterwerken der modernen Ingenieurskunst – einen ganzen Vormittag lang konnten die Teilnehmer der Exkursion den Braunkohletagebau Welzow-Süd mitsamt seinen gigantischen Maschinen erkunden.

IMG_0306Die Ankunft in Neupetershain in Brandenburg gestaltete sich per ÖPNV bzw Fahrgemeinschaft sehr unkompliziert. Ein Teilnehmer wählte sogar die sportliche Alternative und radelte um 03.30 Uhr in Dresden los gen Niederlausitz. Am Dorfbahnhof wurde die Gruppe vom Exkursionsleiter Bernhard Köchel im Namen von Vattenfall begrüßt. Rasch wurde der 3 Meter hohe Mannschaftstransportwagen bestiegen und die weißen Schutzhelme aufgesetzt.

Innerhalb weniger Minuten erreichten die Studierenden so den ersten großen Aussichtspunkt über den riesigen Braunkohletagebau, dessen komplette Umrundung rund 50 km Fahrt erfordern würde. Seit 1959 wird der Bergbaukomplex großtechnisch betrieben, zuletzt durch den schwedischen Energiekonzern Vattenfall, der erst vor wenigen Tagen den Verkauf an die tschechische EPH-Gruppe verkündete. Das für den Abbau interessante 10 bis 15 Meter dicke Braunkohleflöz liegt dabei unter circa 100 Metern Deckgebirge vergraben, welches mit Großmaschinen aufwändig abgebaggert und später wieder in die Grube gefüllt werden muss. Bereits 17 Dörfer mussten dem Mammutprojekt dabei weichen. Die so gewonnene Braunkohle kann beispielsweise im nahe gelegenen Kraftwerk Schwarze Pumpe direkt verstromt werden, wobei ein Wassergehalt von circa 50% sowie Schwefelgehalte von etwa 1% die saubere Verbrennung erschweren.

IMG_0359Rasch ließen die Teilnehmer die Grasnarbe und damit die Bodenoberfläche hinter bzw über sich und fuhren zum ersten Großgerät im Vorschnittbetrieb, einem gigantischen Schaufelradbagger. Dort erklärte Herr Köchel die Herausforderungender Entwässerung, des Vorschnittes zum Eingraben sowie weitere technische Details zum Betrieb dieser Maschinen. Die vielen Rückfragen wurden allesamt fachmännisch bzw bergmännisch beantwortet. Die Abläufe beim Tagebaubetrieb konnten so gut nachvollzogen werden.

Nach einigen kurzen Regenschauern und einer weiteren Fahrt in die Tiefe gelangten die DeutschlandstipendiatInnen zum Höhepunkt der Führung, der Besichtigung der Abraumförderbrücke F60. Nach dem Vorschnitt vertiefen weitere riesige Eimerkettenbagger die entstandene Grube, wobei der entstehende Abraum durch die Abraumförderbrücke auf die Rückseite des Tagebaubetriebes, also hinter die abzugrabenden Kohleflöze, direkt wieder aufgeschüttet wird, um das entstandene über 100 Meter tiefe Loch wieder zu verfüllen. Dabei gilt es, Höhenunterschiede bis zu 60 Meter (daher der Name F60) und eine Distanz von 500 Metern wortwörtlich zu überbrücken. Der Spitzname Liegender Eiffelturm scheint bei einer Länge von einem halben Kilometer und einem Gewicht von weit über 10.000 Tonnen durchaus gerechtfertigt.

Der vorletzte Haltepunkt befand sich auf der untersten und zugleich wertvollsten Ebene des Tagebaus Welzow-Süd. Dort befindet sich die 10 bis 15 Meter dicke Braunkohleschicht, welche durch kleinere Bagger auf Förderbänder geschaufelt wird. Faszinierend war die Tatsache, dass sich mitten in der Braunkohle immer noch ganze Stücke von Baumrinden oder große Büschel Pflanzenfasern finden ließen, welche nicht vollkommen zu Kohle verpresst worden waren.

IMG_0332Zum Abschluss der Exkursion fuhren die Teilnehmer mit dem Mannschaftstransportwagen wieder an die Oberfläche und besichtigten rekultivierte Flächen, unter denen die Kohle bereits vor Jahren oder Jahrzehnten gefördert worden war und die wieder einer möglichst natürlichen Entwicklung zugeführt werden sollten. So findet sich das größte Weinanbaugebiet Brandenburgs an einem Süd-Südwest Hang

mit exakt 11 Grad Neigung, welcher rein für den Zweck eines optimierten Weinanbaues erstellt worden war.

Mit vielen neuen Eindrücken wurden die Stipendiaten der TU Dresden wieder zum Bahnhof begleitet und verabschiedet. Die Rückfahrt nach Dresden bot auch viel Gelegenheit zur Reflexion. Einerseits war der technologische Aspekt enorm beeindruckend, da der Mensch über ein gigantisches Areal die gesamte Erdkruste mit den größten Maschinen der Welt zu seinen Gunsten umformt. Zweifelsfrei liefert Braunkohle auch einen großen Anteil zum aktuellen Strommix und wäre nicht über Nacht zu ersetzen. Viele zweifelten dennoch an dem Sinn dieses Projektes, welches durch die Verstromung ineffizienter und schmutziger Braunkohle mit niedrigem Brennwert stark zu den CO2-Emissionen Deutschlands beiträgt, einen enormen Landstrich verwüstet und Menschen aus ihren Häusern vertreibt.

Insgesamt war der Besuch – auch dank des exzellenten Engagements und breiten Wissens Herrn Bernhard Köchels – aber gerade durch das Herausstreichen dieser Gegensätze enorm bereichernd und visuell schlichtweg einmalig.

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